Altes Denken in neuen Kleidern

Der Empörungssturm über den Abbruch eines Konzertes in einer Berner Brasserie ist gross. Stein des Anstosses sind die Rastalocken weisser Musiker wegen ‘kultureller Aneignung’.   Spontan dachte ich: muss denn jede Modererscheinung aus den USA zu uns schwappen? Das Gute daran ist, nun weiss die halbe Schweiz, dass Rastalocken ein Ausdruck des Protests gegen die Unterdrückung der Schwarzen durch Weisse sind. Historisch noch etwas mehr Bewanderte wissen, dass diese Filzlocken auch in der Geschichte Europas vorkommen und es diese auch im hinduistischen und islamischen Kulturraum gibt. Nicht überliefert ist, wer da wen kulturell inspiriert hat (oder muss man jetzt enteignet sagen?).

Warum ist die Empörung so gross?  Ich vermute mal, viele fühlten sich «unwohl» beim Gedanken, die  Denk- und Sprach-Vorschriften im Konzept der ‘kulturellen Aneignung’ könnten auch bei uns Schule machen. In Kurzform erklärt: keine weisse Person darf sich mit Symbolen aus Kulturen von unterdrückten Gruppen schmücken.  Als ob es ‘reine’ Kulturen je gegeben hätte. In der ganzen Menschheitsgeschichte und überall auf der Welt haben sich Kulturen gegenseitig inspiriert, vermischt und kreativ weiterentwickelt. Richtig ist, dass man sich mit dem Hintergrund verschiedener Kulturen respektvoll auseinandersetzen soll. Auftritts-Verbote jedoch sind kontraproduktiv. Ist irgendeiner schwarzen Person geholfen, wenn Weisse keine Rastalocken tragen? Sinnvoller wäre, wenn man unsere Ethnologie- und Völkerkundemuseen danach durchforsten würde, ob es dort Kulturobjekte aus Missionsreisen im 19. Jahrhundert gibt, die zurückzugeben sind. Das wäre konkrete Solidarität.  Doch dafür muss man sich aktiv engagieren. Da genügt es nicht, sich «unwohl» zu fühlen.

Die Idee der ‘kulturellen Aneignung’ in ihrer fundamentalistischen Form ist Teil der in den USA und in Europa – v.a. in Deutschland, England und Frankreich – im akademischen Milieu grassierenden Identitätspolitik. Sie erklärt – verkürzt gesagt – alle Diskriminierungen aufgrund persönlicher Merkmale wie Herkunft, Geschlecht, Ethnie und kultureller Zugehörigkeit. Daraus wird dann eine Opferhierarchie gebastelt. Es ist ein Rückfall in altes Schubladendenken. Es teilt die Menschen wieder nach äusserlichen Merkmalen ein und determiniert sie auf ihr Anderssein. In dieser Denkweise kann ein weisser Sozialhilfempfänger kein diskriminiertes Opfer sein, eine schwarze Hochschuldozentin jedoch schon, denn sie hat ja Sklaven unter ihren Vorfahren.  Wer das kritisiert, wird mit dem Killersatz abserviert, man verteidige ja nur seine weissen Privilegien. Dabei riecht Identitätspolitik penetrant nach rechtem Ethnopluralismus, der kulturell reine Völker in ihren eigenen Staaten will und sich gegen eine Gesellschaft der Vielfalt richtet. Propagiert wird das von der rechtsextremen «Identitären Bewegung» und es entspricht der Strategie aller rechtsextremen Parteien in Europa.

Dies ist das pure Gegenteil von dem, was eine fortschrittliche Gesellschaftsvorstellung will. Sie ist universalistisch, stellt die Menschenrechte sowie die soziale und ökologische Frage ins Zentrum ihrer Politik. Es sollen alle gleichberechtigt sein, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung.   Dass dies alles noch nicht ganz verwirklicht ist, ist eine Tatsache. Aber da hilft Identitätspolitik nicht weiter – im Gegenteil. Sie ist ein Rückfall in altes Denken, bloss in neuen Kleidern.

Es wird noch lange dauern, bis Diskriminierung und Rassismus in jeder Form der Vergangenheit angehört.  Dafür ist Wokeness (Achtsamkeit) gut und recht, sollte aber nicht das Denken in gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen ersetzen.  Die Überbetonung kultureller Differenzen war und bleibt das Agitationsfeld der Rechten. Rigide Kultur- Vorschriften haben eine Gesellschaft nie verbessert, kultureller Austausch, Respekt und Toleranz schon eher.

Erschienen in der BaZ vom 05.08.2022