Corona und die steile Lernkurve

Endlich, seufzen meine Kolleginnen und ich an unserer Videokonferenz. Eine stufenweise Lockerung aus der häuslichen «Gefangenschaft», die konkrete Aussicht, dass die Kinder wieder in Kita und Schule können und die Beizen wieder öffnen, ist erfreulich. Doch nun zuerst zur Coiffeuse – das finden alle. Unseren Partnern haben wir die Haare geschnitten. Aber umgekehrt? Zu riskant!

Es war ein Schock, dieser Lockdown. Zum Glück war oft schönes Wetter. Stellen Sie sich das Ganze bei wochenlangem Regen vor. Horror. Doch für die Natur ist es schlimm:  Staubtrockene Böden, sinkender Wasserstand – in ganz Europa. Die Rheinschiffe fahren nur noch mit halber Last. Vor lauter Corona-Berichterstattung ist die Meldung untergegangen, dass in der Arktis seit Wochen ungewöhnliche Frühlingstemperaturen herrschen.

Warum reagieren wir auf die kommende Klimakatastrophe nicht wie auf das Virus?  Es gibt übrigens einen Zusammenhang. Das Abholzen ganzer Wälder für Palmöl- und Sojaplantagen, Strassen und Siedlungsbau bis in die entlegensten Winkel, Rohstoffabbau in Naturgebieten, all das hat die Distanz zwischen Mensch und Tier verringert. Die Wissenschaft hat klare Hinweise, dass viele neu auftretende Infektionskrankheiten ihren Ursprung bei Tieren haben. Weitere Pandemien sind also vorprogrammiert, wenn wir weiter so rabiat die Natur zerstören.

Der Corona-Schock ist ein Schuss vor den Bug.  Die aktuelle Zäsur muss zu einem dezidierten Umdenken führen. Die globale Just-in-time Produktionsketten, wo Millionen von Einzelteilen, Lebensmittel, ja lebende Tiere um den halben Globus geschifft werden, zerstören nicht nur das Klima. Sie machen auch die Wirtschaft immer fragiler. Es darf nicht mehr sein, dass lebenswichtige Güter wie Medikamente, Schutzanzüge und Masken nur noch in China oder Indien hergestellt werden. Dabei geht es nicht darum, die Globalisierung zu verteufeln, sondern sie auf ein vernünftiges Mass zu bringen.

Unsere Lernkurve ist in den letzten Wochen steil angestiegen. Wir wissen jetzt, dass die meisten gut 2 Tage im homeoffice arbeiten können und Lehrveranstaltungen auch digital funktionieren. Das heisst , man kann die Rushhour im Verkehr auflösen, wenn man will. Wir wissen jetzt, dass man Sitzungen und Konferenzen auch ohne Businessflug per Video abhalten kann. Und wir ahnen, dass es kein Menschenrecht ist, mehrmals  pro Jahr zu Spottpreisen in der Welt rumzufliegen oder die Weltmeere mit Kreuzfahrten zu verpesten – just for fun.

Heute tagt das Bundesparlament wieder. Da werden die vielen Milliarden diskutiert, die der Bundesrat richtigerweise für die Abfederung der wirtschaftlichen Schäden von Corona im Notrecht beschlossen hat. Bezahlen werden das die Steuerzahlerinnen, wie schon beim Swissairgrounding und beim UBS-Crash. Jetzt hört man, dass die Swiss – vor Jahren für ein Butterbrot an die Lufthansa verkauft – Staatsgarantien in Milliardenhöhe erhalten soll, ohne klimaschonende Auflagen. Swissport und Gategourmet – sie gehören schon länger einer chinesischen Firma –   wollen dem Vernehmen nach eine halbe Milliarde a fonds perdu. Falls das stimmt, dann muss das Bundesparlament da massiv gegensteuern. Die Swiss ist eine Cash-Cow für ihre Muttergesellschaft. Gegen 5 Milliarden Gewinn sind zur Lufthansa geflossen. Diesmal muss den Unternehmen, die Staatshilfe bekommen, klare Auflagen gemacht werden: keine Dividendenauszahlung für 2019 (die braucht es jetzt für die Liquidität),  keine Boni und Rückzahlung der Kredite vor Ausschüttung an die Aktionäre.

Wenn später ein Konjunkturprogramm nötig wird, dann muss es auf die ökologische Modernisierung der Wirtschaft zielen und  klimafreundlich sein.

Das finden übrigens auch meine Kolleginnen, die alle nicht speziell links oder grün ticken. Es sind gestandene Unternehmerinnen, die seit Wochen um das Überleben ihrer Firmen kämpfen. Sie alle wollen, dass – trotz Corona – ihre Kinder und Enkelinnen eine Zukunft ohne Klimakatastrophe haben.

erschienen in der BaZ vom 5. Mai 2020