Ein Ehemann ist keine Lebensversicherung

Eine erfreuliche Nachricht zur 2. Säule fand wenig Beachtung: Die zuständige Kommission des Ständerates hat im Rahmen der Revision der beruflichen Vorsorge entschieden, dass der fixe Koordinationsabzug fällt. Neu werden alle Einkommen prozentual gleich versichert. Das ist für kleine Einkommen und Teilzeitbeschäftigte eine enorme Verbesserung. Endlich können Paare, Familie und Erwerb partnerschaftlich teilen, ohne dass sie grosse Einbussen in der Altersvorsorge riskieren. Noch ist der Entscheid nicht in trockenen Tüchern, denn er muss den weiteren parlamentarischen Prozess überstehen. Es wäre aber ein veritabler Fortschritt für die Gleichberechtigung, für den Frauenorganisationen seit mehr als 30 Jahren gekämpft haben.

Weniger freudig ist das Urteil des Bundesgerichtes aufgenommen worden, wonach bei Scheidungen in Zukunft die kaum erwerbstätige Ehepartnerin nicht mehr davon ausgehen kann, dass der geschiedene Partner ihren Unterhalt weiter finanziert. Dabei wird zwar immer noch der Einzelfall beurteilt, aber grundsätzlich gilt das Prinzip der Gleichstellung. Im Wissen darum, dass fast jede zweite Ehe in der Schweiz geschieden wird, sollte dieses Leiturteil alle verheirateten Frauen mit und ohne Kinder aufrütteln, sich mit der Verteilung der ehelichen Finanzen zu beschäftigen.  

Das Urteil bedingt allerdings auch, dass sich die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zügig verbessern müssen. Dazu gehört die Einführung der Individualbesteuerung. Die «Heiratsstrafe» durch eine verschärfte Progression bei der gemeinsamen Besteuerung von Ehepaaren ist ein Motivationskiller für die Erhöhung des Arbeitspensums. Und vor allem braucht es auch gute und günstige Kitaplätze sowie Lohngleichheit.

In dieser Hinsicht bin ich durchaus optimistisch. Der eklatante Fachkräftemangel in der Schweiz wird mithelfen, dass sich die Rahmenbedingungen verbessern. Es gibt bereits Firmen, welche die 4-Tage-Woche anbieten oder die Kosten der Kita übernehmen. Noch sind es Ausnahmen, aber der Trend geht eindeutig in diese Richtung.

Dies alles wird jedoch wenig nützen, wenn sich nicht gleichzeitig in den Köpfen der Menschen mehr bewegt. Immer noch sind die Rollenbilder so tief verankert, dass bei einer Umfrage in der Schweiz (2019) auf die Aussage, «ein Kind leidet, wenn die Mutter berufstätig ist», 25% der jungen Frauen und 35 % der jungen Männer mit ja geantwortet haben. Ähnlich hohe Werte gibt es nur noch in Deutschland und Österreich. Die Überhöhung der Mutterrolle ist in den deutschsprachigen Ländern so hartnäckig wie nirgendwo sonst. Dies hat viel mit der deutschen Romantik-Bewegung zu tun, die im 19. Jahrhundert alles Natürliche – dazu wurde die Mutterschaft und die Kindheit gezählt – besungen und überzeichnet hat, verbunden mit der Erfindung der Hausfrauenrolle als bürgerliches Ideal.  In keiner anderen Sprache gibt es übrigens das Wort «Rabenmutter» für Frauen, die ihren Beruf genauso wichtig finden wie ihre Mutterrolle. Das Pendent, der «Rabenvater», der sich um den Beruf, aber kaum um Haushalt und Kinder kümmert, existiert (noch) nicht.

Klar sollen alle ihr Familienmodell leben, wie sie wollen. Doch die damit verbundenen finanziellen Konsequenzen für das Paar sollten klar geregelt werden, und zwar in guten Zeiten. Zu viele Frauen verdrängen das, bis es zu spät ist. Wer sich im 21. Jahrhundert für das traditionelle Rollenmodell entscheidet, kann sich später nicht als Opfer beklagen – weder als Familienfrau noch als Familienernährer. Über Geld muss frau offen reden, für bessere Rahmenbedingung muss man zusammen kämpfen. Über das Leiturteil des Bundesgerichtes zu jammern, ändert nichts.

Meine berufstätige Mutter hat ihren drei Töchtern immer gepredigt: Romantik ist schön, aber deswegen den Verstand auszuschalten ist dumm. Was zählt, ist eine gute Ausbildung und ökonomische Unabhängigkeit. Ein Ehemann ist keine Lebensversicherung.

Erschienen in der BaZ vom 13.05.2022