Freiheit und Verantwortung statt Ego-Liberté

Kürzlich hat mich wieder einmal eines dieser Schnellschuss-Mails erreicht, natürlich anonym: «Sie waren doch früher auch bei den Demonstrationen für die Abtreibung dabei unter dem Motto ‘Mein Körper gehört mir’. Dann müssen Sie sich jetzt gegen das Zertifikat einsetzen, denn die Impfung ist ein Eingriff in den Körper.» Mal abgesehen davon, dass ich gar nichts muss, ist der Vergleich Zeugnis eines Kurzschlussdenkens, wie es auf den (a)sozialen Medien vielfach zu finden ist.

Man muss nur nach Texas und Polen schauen, um zu sehen, was ein Abtreibungsverbot für betroffene Frauen bedeutet: die völlige Einschränkung des Selbstbestimmungsrechtes und ein Anstieg von Todesfällen. Der entscheidende Unterschied zum Vergleich mit den Impfungen ist jedoch, dass eine Abtreibung keine andere Person gefährdet.

Das Zertifikat hingegen bringt mir die Freiheit zurück, wieder in Restaurants und Veranstaltungen zu gehen und eine gewisse Sicherheit, dass ich dort nicht angesteckt werde. Die Freiheit der Impfmuffel ist nicht eingeschränkt, sie können sich testen lassen. So viel Toleranz kann sein, auch wenn ich die Impfangst kaum nachvollziehen kann. Aber ich weiss, der Mensch ist auch ein irrationales Wesen. Doch irgendwann hört die Toleranz auf: dann nämlich, wenn Impfgegner Konzerte sabotieren und Politikerinnen oder Behördenvertreter bedrohen.  Hier feiert ein absoluter Freiheitsbegriff eine irritierende Renaissance.

Der historische Kampf um die Freiheit des einzelnen Menschen war ein Kind der Aufklärung. Dabei ging es um die Befreiung aus der Leibeigenschaft und um eine Abkehr vom Gottesgnadentum des Adels. Später, als Folge der französischen Revolution, deklarierte man(n) die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (Frauen mussten noch Jahrhunderte auf die gleichen Rechte warten). Erst im 19. Jahrhundert gelang der Kampf um die bürgerlichen Grundrechte wie Wahlen, Presse- und Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit etc. Die Grundlage für diese Freiheitsrechte lieferte das berühmte Werk «On Liberty» des englischen Philosophen Joan Stuart Mill, das 1859 erschienen ist.  Er hält darin auch fest, dass die Freiheit des einzelnen dort endet, wo er andere schädigt.

Man nennt diesen Grundsatz der Freiheitsdefinition das «Mill-Limit». Es bildet die Grundlage für allfällige staatliche Einschränkungen der absoluten Freiheit, die aber immer wieder neu diskutiert und justiert werden müssen. Denn zur Freiheit gehört jeweils auch die Verantwortung anderen gegenüber. Es hätte sicher geholfen, wenn Bundesrat und Kantonsregierungen klar auf diesen Zusammenhang hingewiesen hätten, anstatt nur an die Eigenverantwortung der Bürgerinnen zu appellieren. Offenbar ist der Mill-Grundsatz, dass die Freiheit der einzelnen Person dort endet, wo sie anderen schadet, in unserer Ego-Gesellschaft vergessen gegangen.

Die Blaupause für das heutige Impf-Drama hat 2017 der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz im Buch «Gesellschaft der Singularitäten» fast schon prophetisch beschrieben. Es handelt von der zunehmenden Identitätspolitik: «Es geht um einen gesellschaftlichen Strukturwandel, der darin besteht, dass die soziale Logik des Allgemeinen ihre Vorherrschaft verliert an die soziale Logik des Besonderen». Es kommt heute mehr darauf an, wie man lebt und isst, wohin man reist und eben, ob man sich impft oder nicht. All dies wird auf den (a)sozialen Medien inszeniert, jede Gruppe grenzt sich dabei schleunigst von anderen ab. Mit dem Handy werden inbrünstig verbale Pfeile aufeinander abgeschossen. Diese Dynamik fördert geradezu das Trennende. Folge davon ist eine ständige Polarisierung, denn die Abgrenzung wird zelebriert, nicht das Verbindende.

Die selbsternannten «Freiheitstrychler» mit ihrer Ego-Liberté lassen bewusst alte Stammesriten mit all ihren Irrationalitäten aufleben. Politisch lässt sich dies leider gut instrumentalisieren. Auf der Strecke bleibt das Gemeinwohl, auch Solidarität genannt.

Erschienen in der BaZ vom 19.11.21