Ihr Kinderlein kommet, meint der Papst

In der Neujahrswoche hat der Papst der Welt verkündet, Frauen bzw. Ehepaare, die keine Kinder haben wollen, seien egoistisch. Er kritisierte, dass viele lieber Hunde und Katzen hätten, als eigene Kinder. Und, wer keine Kinder kriegen könne, solle doch einfach welche adoptieren. Dies sei wahre Liebe.

Eine solche Aussage des 85-jährigen Oberhaupts der katholischen Kirche ist schlicht ignorant. Er versteht sicher von vielem etwas, aber kaum von Kindern, Partnerschaft und Familienpolitik. Der Papst war wohl irritiert von der kurz zuvor veröffentlichten Geburtenrate von 1,2 Kindern pro Frau in Italien, der tiefsten in ganz Europa. Warum das so ist, davon scheint der Pontifex keine Ahnung zu haben. Vermutlich ist er auch geschockt, dass das päpstliche Verhütungsverbot nicht wirkt.

Eigentlich müsste das Oberhaupt der katholischen Kirche wissen, dass auch in seiner Branche einige Priester Väter waren und auch heute noch werden. Bis zur Verabschiedung der Zölibats-Doktrin unter Innozenz II.  im Jahr 1139 war ein Grossteil der Priester verheiratet. Doch seit dann gilt ein rigides ‘keine Ehe, keine Kinder, kein Sex’-Gebot für alle Gottesmänner und -frauen, und zwar «um das Himmelreich willen». Ein wichtiger Grund dafür war jedoch sehr weltlich: Die Güter jener Priester, die aus wohlhabenden Familien kamen, sollten der Kirche zufallen und nicht irgendwelchen Kindern.

Viel genützt hatte die Zölibats-Doktrin nicht: Heerscharen von Kindern wurden in den letzten Jahrhunderten von Priestern, Bischöfen und Päpsten gezeugt. Besonders bunt trieben es die Renaissance-Päpste. Dazu gibt es einen beliebten Witz unter Katholiken: Ein Priester fragt den anderen: «Wird das nächste Konzil das Zölibat aufheben?». Darauf antwortet dieser: «Ich glaube ja». Darauf der erste: «Auf jeden Fall werden wir das nicht mehr erleben, sondern höchstens unsere Kinder.»

Bekannt sind eindeutige Ursachen, warum die Geburtenraten in ganz Europa sinken, am stärksten in den Ländern des Südens. Dort ist die Lebenssituation von Millionen junger Menschen prekär. Nach der Ausbildung finden viele keinen Job und sie müssen mangels eigener Einkommen bei den Eltern wohnen bleiben. Es fehlt schlicht die stabile Grundlage, um Kinder aufzuziehen. Staatliche Unterstützung für Kinder gibt es kaum.  Am höchsten sind die Geburtenraten in den skandinavischen Ländern und in Frankreich. Dort sind auch die staatlichen Kinderbetreuungsmassnahmen sehr gut. Im Mittelfeld bei den Geburtenraten befinden sich die Schweiz, Deutschland und Österreich.

Es gibt aber auch andere Gründe, warum Frauen und Männer kinderfrei bleiben. In der Schweiz sind ein Viertel aller Frauen ohne Kinder, viele davon freiwillig. Am meisten die sehr gut ausgebildeten, weil sie eine hohe Verbundenheit mit ihrem Beruf haben. Aus meinem jüngeren Bekanntenkreis wurden mir weitere Gründe genannt. So wollen einige auf Kinder verzichten, weil sie an die schwierige Zukunft denken, die der Klimawandel mit sich bringt. Andere sind der Ansicht, dass es eh schon zu viele Menschen auf der Welt gäbe. Weitere haben schlicht keine Lust auf Kinder, einige leben in Patchwork-Partnerschaften, wo es schon Kinder hat. Alle fanden im Übrigen die Aussage des Papstes einen veritablen Affront.

Wie heisst es im Volksmund so treffend: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Dies gilt auch für den Papst. Er soll zuerst mal Ordnung im eigenen Hause schaffen.  Immer wieder werden Missbrauchsfälle bekannt, die vertuscht oder deren Aufklärung von der Kirche abgeblockt wurden. Tausende leiden unter dem Missbrauch durch Geistliche in ihrer Kindheit, die Dunkelziffer ist weltweit hoch. Ein Schelm, wer vermutet, dass dies etwas mit dem Zölibat zu tun haben könnte…. Papst Franziskus wäre gut beraten, wenn er seinen Geistlichen einen Hund oder eine Katze verordnen würde, denn Tiere, die man liebt, sind gut für die Seele.

Erschienen in der BaZ vom 14.01.2022