Kein Bock auf eine Berufslehre? Was nun?

 

 

Alle Jahre wieder: Sobald die Lehrstellen-Bewerbungsphase abgeschlossen ist, wird in Basel-Stadt gejammert, dass wieder so wenige Jugendliche eine Lehre machen und zu viele ein Gymnasium besuchen. Nur gerade 18 Prozent der Schülerinnen und Schüler beginnen nach der Sekundarschule gleich eine Lehre. Die meisten besuchen noch ein Brückenangebot oder eine weiterführende Schule. Gemäss dem Erziehungsdepartement machen 60 Prozent aller Lehrlinge zuerst einen schulischen Umweg, bis sie dann doch eine Lehre beginnen. Ja und? Wussten Sie mit 15 Jahren schon, welchen Beruf Sie lernen wollten? Wohl nur die wenigsten. Früher hat man einfach in etwa das gelernt, was die Eltern, die Verwandten und allenfalls die Berufsberaterin vorgeschlagen haben.

Das duale Berufsbildungssystem der Schweiz gehört zu den Erfolgsfaktoren unseres Landes. Es ist mit ein Grund dafür, dass bei uns die Jugendarbeitslosigkeit relativ gering ist. Zudem ist es nach allen Seiten durchlässig, d.h. nach der Lehre gibt es viele weiterführende Ausbildungsmöglichkeiten, auch den Weg an eine Hochschule. Die Jugendlichen können aus 250 Berufslehren wählen. Was toll tönt, kann aber auch eine Qual der Wahl sein. Die Hitparade der schweizweit gewählten Lehren ist gemäss der Lehrstellenplattform yousty seit Jahren stabil: 1. KV, 2. Detailhandel, 3. Informatik, 4. Pflege, 5. Logistik, 6. Medizinische Praxisassistenz, 7. Betreuung, 8. Detailhandels-Assistenz, 9. Zeichnerin, 10. Pharma-Assistenz.

Nicht in die Hitparade schaffen es die technischen und handwerklichen Berufe. Aber genau dort ist der Fachkräftemangel besonders gross, wie der Schweizer Fachkräfte-Index seit fünf Jahren zeigt. Es fehlt an Ingenieuren, an Klima- und Lüftungstechnikerinnen und an vielen Fachkräften im Baugewerbe. Statt darüber zu jammern, sollten die entsprechenden Branchen nach neuen Wegen für die Motivation von Jugendlichen suchen.

In Basel leben viele Menschen mit Migrationshintergrund. Sie kommen oft aus Ländern, welche die Berufslehre nicht kennen, schon gar nicht die qualitativ hochstehende in der Schweiz. Da ist ein Potential, welches unbedingt besser und gezielter informiert werden muss.

Je höher qualifiziert, desto besser die Chancen im Beruf – so denken viele Eltern. Zudem sind einige ehemalige Lehrberufe unterdessen an den Fachhochschulen akademisiert worden. Man kann das bedauern, doch es ist eine Realität. Wir leben in einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft, was nicht folgenlos bleibt. Heute wird Leistung mit Qualifikation und einem hohen Lohn gleichgesetzt. Viele der sogenannten Bildungselite meinen, sie verdanken ihren Wohlstand nur der eigenen Leistung. Ausgeblendet wird dabei, dass auch Zufallsfaktoren wie Herkunft, Unterstützung und Glück dabei eine Rolle gespielt haben. Ein zynischer Teil dieser Elite verachtet gar jene, die einen schlecht bezahlten Job ausfüllen. Sie hätten ja eine bessere Ausbildung machen können. Als ob diese Menschen weniger leisten würden. Sie haben einfach die schlechteren Karten beim Start erwischt.

Auf jeden Fall ist es unsinnig zu verlangen, die Hürden für weiterführende Schulen zu erhöhen, damit mehr Jugendliche eine Lehre machen, was bürgerliche Politiker immer wieder fordern. Als Grund müssen die höheren Kosten herhalten, weil ein Berufsschuljahr (Fr. 12‘000.-) nur halb so teuer ist, wie ein Jahr in einer weiterführenden Schule. Diese Leute sind daran zu erinnern, dass ein Platz an der Universität für ihre Sprösslinge je nach Fach zwischen 20‘000 und 100‘000 Franken pro Jahr kostet, und das alles für 850 Franken Semestergebühren. Die Differenz bezahlen alle Steuerzahlenden beider Basel  – auch jene, die eine Lehre gemacht haben.

Wer mehr Lehrlinge will, muss dafür sorgen, dass die vielfältigen interessanten Ausbildungen für durchaus gutbezahlte Berufe bekannter werden – gerade in einer Stadt, die mit der ältesten Universität die Akademisierung immer stark vorangetrieben hat.

Erschienen in der Baz vom 30.07.21