Krisen im Multipack – und was wir dagegen tun können

Erinnern Sie sich noch an den Juni vor einem Jahr? Damals wurde das CO2-Gesetz in der Volksabstimmung abgelehnt. Die Aussicht auf höhere Benzinpreise gab ihm den Todesstoss. Und heute? Kaum jemand hat vorausgesehen, in welchem Tempo die Energiepreise steigen, und zwar um ein Mehrfaches als mit dem CO2-Gesetz.

Dieser Sommer hat die Illusion, dass wir einfach so weitermachen können, definitiv zerstört. Die Rekordhitze hat vielerorts Dürre, Waldbrände, Starkregen mit Überschwemmungen, niedrige Pegelstände in Flüssen und Seen und eine noch schnellere Gletscherschmelze verursacht. Der Klimawandel ist mit Wucht zur akuten Klimakrise geworden. Hinzu kommt der Überfall von Russland auf die Ukraine. Putin benutzt Gas als Waffe gegen Europa, um die Unterstützung der Ukraine zu torpedieren.  Auch Corona ist noch nicht überstanden. Der harte Lockdown in China führt weiterhin zu Lieferengpässen.

In der Krisenforschung wird zwischen drei verschiedenen Katastrophenformen unterschieden: «graue Nashörner» sind absehbare Krisen, die man mit Voraussicht bewältigen kann – wie der Klimawandel. Das Problem dabei: wir Menschen sind gar nicht gut im Vorbeugen, aber Weltmeister im Verdrängen. Deshalb werden «graue Nashörner» oft zu «schwarzen Schwänen». Damit gemeint sind plötzlich auftretende Katastrophen, die man kaum voraussehen kann. Dazu gehören Naturkatastrophen, aber auch unerwartete Grossereignisse wie der russische Angriffskrieg. Im Nachhinein wissen es dann alle besser. Kommen mehrere Krisen zusammen wie jetzt, also Pandemie und Krieg sowie ein Gas- und Strommangel kombiniert mit Inflation, dann spricht die Krisenforschung von «Drachenkönigen». Dies betrifft Katastrophen, die parallel auftauchen, sich gegenseitig verstärken und darum enorme Schäden auslösen.

Entscheidend ist, wie eine Gesellschaft mit «Drachenkönigs-Krisen» umgeht, damit der Schaden geringer gehalten werden kann. Die Frage ist also: wie krisenresilient ist die Schweiz, angesichts der potenziellen Mangellage, der Preisexplosion für Energie, der Verpflichtung bis 2050 CO2-neutral zu sein und dem zunehmenden Wassermangel?

Zurzeit befinden wir uns noch in der Phase der Schuldzuweisungen – auch dies ist typisch für eine Krise. Die SVP pinkelt der Umweltministerin ans Bein, Rot-Grün macht die Bürgerlichen für die Mangellage verantwortlich, und die NZZ kritisiert die Ex-Bundesrätin für ihre Energiestrategie 2050, die notabene vom Volk deutlich angenommen wurde. Naturschützerinnen definieren überall rote Linien und AKW-Nostalgiker verdrängen, dass die Entsorgung seit Jahrzehnten ungelöst ist.

Vergangenheitsbewältigung bringt aber in einer Krisensituation rein gar nichts, ebenso wenig wie Panik. Jetzt geht es darum, pragmatisch durch die Krise zu kommen, die wohl länger als einen Winter dauern wird. Dabei darf der definitive Ausstieg aus den Fossilen nicht aus den Augen verloren gehen. Die Akademien der Wissenschaften Schweiz haben kürzlich den dafür notwendigen Masterplan vorgelegt. Er ist ehrgeizig, aber machbar.

Statt Konfrontation und Polarisierung ist jetzt Kooperation gefragt. Immerhin zeichnet sich in Bern hinter den Kulissen ein politischer Kompromiss ab, der die am runden Tisch definierten fünfzehn Projekte zur Aufstockung der Wasserkraft mehrheitsfähig machen könnte. Endlich ist auch Sparen angesagt. Jedes Grad weniger Heizen bringt eine Einsparung von 6 Prozent! Die hohen Energie- Preise sind dafür wohl Anreiz genug. Sie werden so schnell nicht sinken. Damit das alle durchhalten können, müssen die unteren Einkommen zwingend entlastet werden – aber nur diese.

Ob wir das schaffen? Wir müssen. Das Gute an einer «Drachenkönigs-Krise» ist, dass sie allen die Dringlichkeit des Handelns vor Augen führt. Soeben hat die Umwelt-Kommission des Ständerats die Solar-Offensive in den Alpen aufgegleist, eine Voraussetzung für erneuerbaren Winterstrom. Weiter so, endlich mit Tempo.

 

Erschienen in der BaZ vom 02.09.2022