Tagebuch der ersten Krisenwoche (15. – 20. März 20)

 

Dieses vermaledeite Virus! Es Ist unsichtbar und legt fast alles lahm.

Erste Hiobsbotschaft: die Alters- und Pflegeheime machen dicht. Genereller Besucherstopp. Ich kann es nachvollziehen, meine Mutter, die ich jetzt nicht mehr besuchen kann, versteht es weniger. Ich weiss, dass sie in besten Händen ist, umsorgt von engagierten  Pflegenden mit einer Engelsgeduld. Ihnen und den Tausenden von Mitarbeitenden in Gesundheitsberufen und in der Grundversorgung gebührt mein grösster Respekt. Sie haben systemrelevante Berufe. Das sollten wir auch nach der Krise nicht vergessen.

Laufend werden Sitzungen abgesagt. Die SP Basel-Stadt wird wohl zum ersten Mal eine Regierungsratsnomination online durchführen.  Eine neue Erfahrung, aber kein Drama.

Verzweifelter Anruf einer Kollegin. Sie hat eine kleine Eventagentur. Ihr ist der ganze Umsatz der ersten Jahreshälfte weggebrochen. Für ihre zwei Mitarbeiter kann sie Kurzarbeit beantragen, aber sie selbst steht vor dem Nichts. Als alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern weiss sie nicht mehr wie weiter.  Ein Bekannter hat eine kleine Beiz – auch hier totale Existenzangst. Ebenso bei der selbständige  Kosmetikerin, dem Coiffeur, der Erwachsenenbildnern, dem Tontechniker, der Grafikerin, vielen Kulturschaffenden. Überall existenzielle Sorgen. Eigentlich ist es ein Affront: jahrein, jahraus bezahlen Selbständige ALV-Beiträge, doch ein Recht auf Kurzarbeit haben sie nicht. Das muss  sofort ändern. Und  es braucht konkrete Finanzhilfen. Tempo, einfache online-Formulare und die Kleinen zuerst, das ist entscheidend.

Abbruch der Frühlingssession: Wer die engen Platzverhältnisse im Bundeshaus kennt, kann das verstehen. Aber ausgerechnet jetzt, wo es dringliche Gesetzesänderungen braucht. Ich hoffe, dass schleunigst grosse Räume gefunden werden, so dass die eidgenössischen Räte mit dem erforderlichen Abstand zwischen den Sitzen tagen können. Es gibt ja genug freie Messehallen – vor allem in Basel! Gerade in einer Krise sollten die politischen Institutionen funktionieren.

Jetzt kommen die Absagen im Stundentakt: auch alle meine Aufträge bis Mitte Mai. Zum Glück bin ich schon lange im Geschäft und habe genügend Rücklagen. Andere trifft es viel härter. Aber mulmig ist es schon.

Absage des Coiffeurtermins: Ich werde wohl lange, graue Haare haben, bis diese Krise vorbei ist.

Ich stelle mir die wirtschaftlichen Auswirkungen vor und mir wird fast schlecht. Die ersten 10 Milliarden, die der Bundesrat gesprochen hat, reichen nie. Das Zehnfache ist wohl realistischer. Für die Schweiz ist das machbar. Bund und Kantone machten über Jahre Überschüsse und haben rekordtiefe Schulden. Die Schuldenbremse kann man für zwei bis drei Jahres aussetzen, wegen der Negativzinsen ist Geld spottbillig. Aber es wird ein gewaltiger Kraftakt werden.

Im TV sehe ich eine Reportage über die Zustände im Flüchtlingslager auf Lesbos und die Verhältnisse an der türkisch-griechischen Grenze. Mir kommen die Tränen. Es ist unfassbar, dieses menschliche Leid. Dagegen sind unsere grossen Probleme plötzlich wieder überschaubar.

Es gibt eine positive Nachricht in der Krise: das Klima bekommt eine kleine Atempause.

Nach fünf Tagen Homeoffice fällt mir die Decke auf den Kopf. Ich drehe das Radio an und tanze durch mein Büro. Das ist der beste Stimmungsaufheller, den ich kenne. Es wirkt immer – auch wenn mir mein Mann im Homeoffice-Zimmer nebenan den Vogel zeigt.

Geburtstag in Zeiten von Corona: Wenigstens gehöre ich noch nicht zur Risikogruppe. Virtuelle Blumensträusse sind auch schön. Ich gönne mir einen Newsfreien Tag und versinke in einem Buch.

Der Mann der Stunde ist für mich Daniel Koch, der Krisenkommunikator des Bundesrates: ruhig, kompetent, glaubwürdig. Chapeau!

Erleichterung: der Bundesrat macht für alle Betroffenen, auch die Selbständigen, den Geld-Rettungsschirm auf. Keinen Tag zu früh.

Die Lage ist ernst: Wer sich nicht an die Abstandsregeln hält und möglichst zu Hause bleibt, handelt verantwortungslos! Allen, die im Krisenmodus arbeiten müssen, wünsche ich viel Kraft und sende ein herzliches Dankeschön.