Trotzdem: Afghanistan braucht humanitäre Hilfe

Vor einem Monat sind die US-Truppen und ihre Nato-Verbündeten aus Afghanistan abgezogen und haben Tausende von Menschen, die sie unterstützt hatten, im Stich gelassen. Die Bekehrungsmission “nation building“ ist kläglich gescheitert.

Nach dem Terroranschlag in New York  2001 riefen die USA den Bündnisfall aus. Daraufhin nannte die Nato als Kriegsziele gegen Afghanistan: das Töten von versteckten Terroristen,  die Eliminierung der Korruption, die Bekämpfung des Opiumhandels und die Befreiung der Frauen. Getötet wurden gemäss UNO ca. 160‘000 Zivilisten/innen, viele von unbemannten Drohnen, Hundertausende wurden in die Nachbarländer vertrieben. Am korruptesten waren die mit der Nato verbündeten Warlords und die Regierungen in Kabul.

Heute sind die Taliban  zurück, sie kontrollieren 90 Prozent des internationalen Opiumhandels und verfügen nun auch über modernste US-Waffen. Es ist zu befürchten, dass sie die Frauenrechte wieder massiv einschränken, was erste Meldungen zu bestätigen scheinen.  Frauenrechte gab es v.a. in den Städten. Die afghanische Bevölkerung lebt zu zwei Drittel auf dem Land in Stammesgesellschaften. Sie hat die Besetzung nicht als Befreiung sondern als Besatzung erlebt, welche ihre Lebenssituation kaum verbessert hat. Dies erklärt auch den Durchmarsch der Taliban.

Seit der Ausrufung des „war on terror“ gegen die „Achse des Bösen“  (G.W. Bush) nach 9/11  sind 20 Jahre vergangen, in denen die USA und die Nato-Länder eigene Werte wie Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit wiederholt mit Füssen getreten haben. Dazu gehören Foltergefängnisse wie Guantanamo sowie das „Rendition“-Programm der CIA mit Entführungsflügen zu geheimen US-Gefängnissen in Osteuropa. Alle  Regierungen Europas inkl. der Schweiz wussten davon, wie der Bericht von alt Ständerat Dick Marty an das Europaparlament gezeigt hat.

Erinnert sei auch an den mit einer Lüge legitimierten Krieg von 2003 gegen den Irak. Saddam Hussein habe biologische Massenvernichtungswaffen, behaupteten die USA und präsentierten gefälschte Dokumente. Die Folgen sind bekannt: eine destabilisierte Lage am Persischen Golf und im Nahen Osten, in der sich der IS breitmachen konnte, „failed states“ wie Libyen, Krieg in Syrien und Jemen, der Verrat an den kurdischen Peschmerga, die tapfer gegen den IS kämpften, und Millionen Flüchtlinge für Europa.

 

Frauenbildung und -rechte sind eine zentrale internationale Forderung und sie scheinen sich in den letzten 20 Jahren in Afghanistan auch verbessert zu haben. Doch wenn dies ein echter Grund für die Intervention in Afghanistan gewesen wäre, dann müsste der Westen gegen einige Länder im arabischen Raum und anderswo vorgehen. Insbesondere der enge Verbündete der USA, Saudiarabien, ist in dieser Hinsicht wahrlich kein Vorbild. Viele Frauen- und Menschenrechtlerinnen sind dort inhaftiert und werden ausgepeitscht.  Die Saudis mit ihrem ultrakonservativen Wahabismus finanzieren in der ganzen Welt salafistische Koranschulen, Moscheen und islamistische Organisationen.  Man weiss seit Jahren, dass die 9/11-Hijackers vorwiegend aus Saudiarabien kamen.  US-Präsident Biden hat einer Gruppe von Hinterbliebenen der Terroropfer Einblick in Akten des FBI gegeben. Gemäss einem kürzlich gesendeten Bericht von CNN gibt es glaubwürdige Hinweise, dass die 9/11-Terroristen von saudischen Wohltätigkeitsfonds finanziert und von saudischen Geheimdienstleuten unterstützt wurden. Die Schweiz sollte endlich ihre Kriegsmaterialexporte nach Saudiarabien stoppen. Sie verstossen gegen unsere Neutralität.

Die afghanische Bevölkerung steht heute vor einer humanitären Katastrophe. Die internationale Hilfe nun an Bedingungen zuhanden der Taliban zu knüpfen, wie das einige, auch feministische Kreise in Europa und den USA fordern, wäre zynisch, denn Leidtragende ist immer die Bevölkerung. Die westlichen Alliierten hinterlassen ein Desaster – wieder einmal.

Erschienen in der BaZ vom 24.09.21