Unheilige Gedanken zu Weihnachten

Morgen Abend beginnen die Weihnachtstage, das Fest der Liebe, der Familie, des Friedens. Glaubt man Umfragen, dann sind diese Tage für viele Familien aber weder friedlich noch besonders liebevoll. Der Harmoniedruck ist so hoch, dass der Kessel manchmal überkocht – auch wenn das Weihnachtsfest perfekt geplant ist.

Die Weihnachtsgeschichte ist ja auch eine Erzählung über die Flucht von Maria und Josef vor dem König Herodes, also sehr aktuell. Mal abgesehen von der jungfräulichen Empfängnis. Doch was macht unsere Noch-Justizministerin kurz vor den Festtagen? Sie stoppt die Aufnahme von ein paar hundert sehr verletzlichen Flüchtlingen aus dem Resettlement-Programm des UNO-Flüchtlingsprogramms. Ein zynisches Geschenk an ihre Nachfolgerin, die neue Bundesrätin.

Wie verlogen eine christliche Kirche auch sein kann, demonstriert seit Monaten Kyrill, der russisch-orthodoxe Patriarch.  Im Prachtsgewand, bewaffnet mit Kreuz, Stab und Weihrauch, preist er Putins kriminellen Angriff auf die Ukraine. Wahrscheinlich segnet er auch die Bomben, mit denen Putin die Infrastruktur zerstört und die Zivilbevölkerung terrorisiert. Der Preis, den die mutige ukrainische Bevölkerung für die Verteidigung ihres Landes bezahlt, ist enorm. Ebenso der Zynismus Putins, der mit seinen Bomben ganz gezielt eine weitere Fluchtwelle der Ukrainerinnen auslösen will, um die Solidarität des ‘dekadenten’ Westens zu torpedieren. Gelebte Weihnachten fanden dieses Jahr im Frühling statt, als Menschen in ganz Europa – auch in der Schweiz – Millionen von Ukrainerinnen mit ihren Kindern aufgenommen und überall geholfen haben – heute noch immer, bloss liest man davon kaum mehr etwas in den Medien.

Der Auftrag im Christentum, den Gott Adam und Eva bei der Vertreibung aus dem Paradies mitgab, lautete: «Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.» (Genesis 1:28). Dieser Auftrag hat über die Jahrhunderte eine derartig wuchtige Wirkung entfaltet, dass er heute leider als erfüllt angesehen werden muss. Allerdings mit katastrophalen Folgen: wir sind 8 Milliarden Menschen, die Artenvielfalt ist massiv geschwunden und die Klimakrise zeigt, dass die Unterwerfung der Erde enorme Kollateralschäden verursacht.

Ursprünglich waren die Anhänger Jesu eine illegale Graswurzelbewegung – übrigens stark dominiert von Frauen, denen das Barmherzigkeitsprinzip ein Anliegen war. Doch spätestens seitdem das Christentum vom römischen Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion erklärt wurde, dominierte der Machtanspruch und die Unterwerfung der Erde und ‘fremder Menschen’ immer mehr.  Mit den Jahrhunderten mutierte das Unterwerfungsgebot langsam in das Fortschrittsnarrativ, von Philipp Blom in seinem Buch ‘Die Unterwerfung’ spannend beschrieben. (Ein toller last minute Geschenktipp!) Vom Effekt her lief diese Mutation auf die Zerstörung hinaus, wie wir sie heute sehen und erleben.

Im europäischen Mittelalter bestaunten die Menschen in der Kirche die bunten Gemälde mit den Bibelszenen, magisch leuchtend im Kerzenlicht und wünschten sich wohl von oben, dass die Ernte gut werde, ihre Kinder gesund blieben und endlich mal Frieden herrsche. Heute sitzen wir vor dem Laptop, schauen die bunten Bilder auf den online-Plattformen an und drücken magisch angezogen den Kauf-Bottom mit der Illusion, dass unsere soziale Anerkennung, die Sehnsucht nach Glück und Liebe damit auch irgendwie erfüllt werde.

Im Prinzip wissen wir, dass die heutige Lebensweise so keine Zukunft hat. Wir brauchen eine neue Zukunfts-Geschichte. Statt von der Apokalypse muss sie von Kooperation, Kreativität, entschlossenem Handeln und Zuversicht erzählen, den Multikrisen zum Trotz.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen besinnliche Weihnachten und Zuversicht im neuen Jahr.  

Erschienen in der BaZ vom 20.12.22