Unser Fleisch und die Personenfreizügigkeit

Essen Sie gerne Fleisch? Ich auch, aber immer weniger. Wie viele andere, weshalb der Fleischkonsum in der Schweiz seit den 90er Jahren von über 60 auf 50 Kilogramm pro Jahr und Person zurückgegangen ist. Tendenz weiter sinkend. Haben Sie schon mal einen Schlachtbetrieb besucht? Ich war einmal im Mittelland in einem grossen Schlachtbetrieb. Es ist schon ein paar Jahre her. Danach habe ich wochenlang kein Fleisch mehr gegessen. Die industrielle Tötung der Tiere und die Verarbeitung ihrer Körper im Akkord auf dem Laufband entsprechen gar nicht den schönen Bildern in der Werbung von glücklichen Schweinen und Kälbern. Und die Arbeitsbedingungen sind sehr hart: stark heruntergekühlte Fabrikhallen wegen der Hygiene, körperliche Schwerarbeit mit Verletzungsgefahr bei einem geringen Lohn. Zurzeit beträgt dieser gemäss Gesamtarbeitsvertrag etwa Fr. 3500.- . Kein Wunder arbeiten in diesem Gewerbe kaum Schweizer. Eigentlich sollte jeder, der gerne Fleisch isst, mal einen Schlachthof besichtigen. Auch in Basel haben wir einen.

Die Bedingungen in Schweizer Schlachthöfen sind jedoch geradezu «paradiesisch», verglichen mit jenen in Deutschland, wie wir seit dem Corona-Skandal in der Fleischfabrik des Milliardärs Clemens Tönnies wissen. In seinem Schlachtbetrieb arbeiten laut einer ARD-Reportage mehr als 6500 Mitarbeitende vorwiegend aus Osteuropa. Sie sind aber bei Subunternehmen angestellt und schuften für etwa 1‘700 Euro bis zu 60 Wochenstunden. Untergebracht sind sie in lausigen Unterkünften, wo sie für ein Bett oft 350 Euro bezahlen. Diese Zustände sind nun in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses gerückt, weil sich mehr als 1500 Mitarbeitende wegen der engen Verhältnisse in der Fabrik und in den Unterkünften mit Corona angesteckt haben. Der ganze Landkreis Gütersloh musste deshalb in den Lockdown versetzt werden.

Jetzt wissen Sie, warum das Fleisch in Deutschland so spottbillig ist. Daran sollten Sie bei Ihrer Schnäppchen-Jagd im deutschen Grenzgebiet für den nächsten Grillabend denken. Und auch an die industrielle Massentierhaltung, die damit verbunden ist.

Die ganze Geschichte hat auch mit der sogenannten Begrenzungs-Initiative der SVP zu tun. Es gibt viele gute Gründe, diese abzulehnen. Sehr wichtig sind dabei die flankierenden Massnahmen mit dem Lohnschutz. Die SVP verschweigt nämlich, dass bei einem Ja zu ihrer Initiative nicht nur die Bilateralen `Verträge mit der EU fallen, sondern auch die flankierenden Massnahmen. Und genau diese sind der Grund, weshalb wir nicht derart katastrophale Zustände wie in Deutschland haben. Dort ist die Personenfreizügigkeit eben nicht mit Lohnschutz-Massnahmen verknüpft. Die Folge davon sind Lohndumping und menschenunwürdige Unterbringung Tausender Arbeitsmigranten. In der Schweiz sorgen die flankierenden Massnahmen dafür, dass ausländische Entsendefirmen und Subunternehmen den allgemeinverbindlichen Gesamtarbeitsverträgen unterstellt sind und Schweizer Löhne sowie Sozialabgaben bezahlen müssen. Dies wird streng kontrolliert.

Also lassen Sie sich von der SVP nicht für dumm verkaufen mit dem Argument, dass wir die Einwanderung selbst kontrollieren sollten. Das ist nämlich nicht der Punkt. Oder würden Sie ihren Kindern empfehlen, Metzger in einem Schlachtbetrieb zu werden? Die Metzgerzunft hat Nachwuchsprobleme und sucht Lehrlinge für eine sehr solide Fachausbildung. Aber Schlachtmetzger in der Fabrik? Eben. Also werden diesen Job weiterhin vor allem ausländische Arbeitskräfte machen, die keine andere Wahl haben. Wenn wir deren Löhne nicht nach Schweizerstandard schützen, dann wird der Lohndruck bald die Facharbeiter, die Handwerkerinnen und viele Dienstleistungsberufe erreichen. Genau das bezweckt der «Milliardärs-Flügel» der SVP mit der Kündigungs- Initiative.

Wie heisst es doch? Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.