Von Frauen, Katzen und der Nato

 

„Ihr Frauen habt keine Ahnung vom Militär“, ätzt einer in unserer Feierabendrunde in der schattigen Gartenbeiz. Diesmal bin ich die einzige Frau an unserem Tisch. Also will er mich provozieren. Soll ich den Ball aufnehmen oder ihn ins Off sausen lassen? Der Tag war erfolgreich, die Temperatur ist angenehm und der Weisswein schmeckt. Also gut, ich bin in Stimmung. „Wie meinst du das genau“, frage ich zurück. Immerhin haben wir eine Verteidigungsministerin und eine  Kampfpilotin.  „Ihr stimmt bei Militärvorlagen immer so emotional ab. Das hat man beim Gripen gesehen, den haben die Frauen vom Himmel geholt“, tönt es zurück. Jetzt mischt sich ein Weiterer ein: „Ich habe damals auch Nein gestimmt und werde es auch diesmal wieder tun. Was soll daran emotional sein?“.  „Dann  gehen wir das Thema doch einfach mal nüchtern und sachlich an", schlägt ein Dritter am Tisch vor. „Was sind eigentlich die Grossrisiken für die Bevölkerung in der Schweiz?“

Ich weise darauf hin, dass das Amt für Bevölkerungsschutz bereits vor Jahren folgende Risiken identifizierte: 1. Ein totaler Strom-Black-out durch Cyberangriffe oder eine Verkettung von Ausfällen. Das könnte nur mit mehr Investitionen in die Cyberabwehr abgefedert werden. 2. Eine Pandemie – da waren wir nicht vorbereitet. 3. Lange Hitzewellen durch den Klimawandel. Dagegen würden Investitionen in saubere Energien und in die Beschattung der Städte helfen. 4. Erdbeben.  5. Terroristische Attacken. Da wird inzwischen viel getan. Ein konventioneller militärischer Angriff kommt erst unter ferner liefen. Doch ausschliessen kann man nichts.

Unterdessen kooperiert die Schweiz in Sachen Verteidigung längst mit den Nato-Ländern, was in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist. Der Nato-Verteidigungsring würde die Schweiz ebenso schützen, wie andere europäische Länder. Der Mythos vom kleinen, neutralen Land mitten in Europa, das sich alleine verteidigen kann, ist im digitalen 21. Jahrhundert längst vorbei. Unsere Armee ist heute schon in die Nato-Technologie eingebunden. Ohne Datenlinks zur Nato wären auch die heutigen F/A 18 (ein US-Modell)  nicht einsatzbereit. Wenn die F/A 18 jeweils aufgerüstet werden, machen das nicht Schweizer, sondern amerikanische Techniker.  Ein moderner Jet ist heute ein fliegender Computer, der je nach Technologie-Abkommen von der Herstellerfirma auf Knopfdruck vom Himmel geholt werden kann. Die USA lässt prinzipiell keine Öffnung der Quellcodes durch ihre Rüstungshersteller zu.

Also was meint ihr: brauchen wir neue Kampfflugzeuge? Für die luftpolizeilichen Aufgaben ja, meinen alle am Tisch. Doch dafür reichen auch kleinere und damit  billigere Kampfflugzeugmodelle. Aber nur europäische, finden alle.

Über den Kredit von 6 Milliarden werden wir abstimmen, nicht jedoch über den Betrag für den Unterhalt der Jets, der gemäss VBS 18, gemäss anderen Experten 24 Milliarden beträgt. Das ist viel Geld in einer Zeit, in der bereits die Corona Massnahmen ein Loch in die Bundesfinanzen reissen.  Auch die Modellwahl soll nicht demokratisch erfolgen, obwohl sie grosse sicherheits- und aussenpolitische Auswirkungen hat. Vier Modelle sind schon vorevaluiert, zwei amerikanische, ein französisches und eines aus mehreren europäischen Staaten. Alle vier Hersteller haben ihre Lobbyisten in Bern bereits stationiert.  

Von der US-Technologie will keiner am Tisch abhängig sein. „Das ist, wie wenn du im Homeoffice arbeitest, dein Chef alles mitverfolgen und dir den Stecker ziehen könnte, sobald du etwas Privates machst“ bringt es ein Tischnachbar auf den Punkt.  Doch als Kampfpilotin würde ich lieber einen Tarnkappen-Bomber fliegen, wende ich ein. Beim Töff gefällt mir eine Harley Davidson auch besser als ein 125er Chlapf…

Doch nüchtern betrachtet stellen wir fest: Bei einem Ja zur Beschaffung der Kampfjets würden wir zu viele, zu unbekannte  und zu teure Katzen im Sack kaufen. Da sind wir uns (ausnahmsweise) alle einig – die Männer und die Frau beim Feierabend-Apéro.