Werdet Ihr Euch impfen lassen?

„Werdet ihr euch impfen lassen?“, fragt eine Kollegin. Wie jedes Jahr trifft sich mein Kolleginnengrüppli zum Anstossen aufs neue Jahr. Diesmal einfach im Freien mit Abstand – ausgerüstet mit Masken, dicken Pullovern, Mützen und Wärmepads in Stiefeln und Handschuhen. Es gibt Prosecco und Sunneredli  – wie immer.

„Also: werdet ihr euch impfen lassen? Ich habe den Picks schon “, triumphiert unsere Anwältin. Wie das, sie ist doch erst 65 Jahre alt, wundern wir uns. Obwohl: Sie war immer die schnellste bei allem. Und die Behörden hatten bei den ersten Impf-Terminen noch 65 als Altersgrenze angegeben. Unsere Lehrerin, die sich seit Monaten hauptsächlich von Echinaforce ernährt, ist skeptisch: „Ist es denn auch sicher? Hat es nicht auch Nebenwirkungen“? Unsere Wissenschaftlerin ist natürlich über alles informiert und gibt Entwarnung: „Der Impfstoff ist wirksam, hat die üblichen Nebenwirkungen, die aber nicht schlimm sind. Ob es auch gegen die Mutationen wirkt, ist noch nicht ganz klar. Und es ist freiwillig“, beruhigt sie die Lehrerin. „Was heisst hier freiwillig?“, interveniert unsere Kosmetikerin. „Glaubt ja nicht, ich werde euch behandeln, wenn ihr euch nicht impfen lasst“. Päng, das ist mal eine Ansage: alle reden durcheinander. Darf sie das, wenn impfen doch freiwillig ist? Die Diskussion wogt hin und her. Bis sich die Anwältin einschaltet und ihren juristischen Sachverstand zum Besten gibt: „Ja das darf man. Private Personen, Firmen und Organisationen dürfen Einschränkungen machen, wenn es für ihre Kundinnen eine Ausweichmöglichkeit gibt. Und das ist bei einer Kosmetikerin sicher der Fall. Die Fluggesellschaft Quantas hat bereits angekündigt, dass sie nur Geimpfte an Bord lässt“. „Aber das ist diskriminierend“, findet die Lehrerin. „Nein“, erwidert die Anwältin, „nicht wenn damit Personal und Kunden vor einer Ansteckung geschützt werden“. „Eigentlich ist es auch ethisch sonnenklar“, meint die Wissenschaftlerin, „die eigene Freiheit hört dort auf, wo du die Freiheit der anderen gefährdest. Mit deiner Gesundheit kannst du machen, was du willst, aber nicht mit der Gesundheit der anderen“. Ok, Impfen ist der Vorsatz für dieses Jahr. Darauf stossen wir an. Prost.

„Gibt es eigentlich genug Impfstoff für alle?“ wirft nun unsere Beizerin ein, die der Lockdown wie viele Selbständige, Kulturschaffende und temporär Arbeitende am härtesten getroffen hat. „Für die reichen Länder schon, aber für die armen nicht“, sagt die Wissenschaftlerin. „Das ist eine Frage des politischen Willens“ mischt sich nun auch die Ex-Politikerin ein, „immerhin wurde die Forschung für Impfstoffe auch mit Milliarden öffentlicher Gelder unterstützt. Da muss man verlangen, dass die Patente auch an Firmen in Ländern im Süden weitergegeben werden, welche spezialisiert sind auf den Nachbau von Medikamenten. So kann die Produktion weltweit massiv gesteigert werden.“ Alle finden es logisch, dass ein globaler Virus auch global bekämpft werden muss. Das ist im Interesse aller Menschen.

Gibt es nicht auch Dinge, die ihr in der Coronazeit gut findet und die wir behalten sollten, wird nun gefragt. Wie aus der Pistole geschossen antwortet unsere Businesslady: „Keine Businessflüge mehr. Am Anfang ist es ja interessant, wenn du in alle Richtungen an Kongresse und Kundentreffen fliegen kannst, aber mit den Jahren ist es nur noch ermüdend. Jetzt haben sich alle an die Digitalmeetings gewöhnt, die erst noch kürzer ausfallen“. Wir prosten auf das Verschwinden der Businessflüge und auf kürzere Sitzungen. Was noch? „Die Abschaffung der 3 Küsschen-Mode kann auch bleiben“, findet die Ex-Politikerin. Ein Prost auch darauf.

Und was vermissen wir am meisten? Die sozialen Kontakte, einen Theater- oder Konzertbesuch, das Treffen in der Beiz. Wir trinken das letzte Glas und stellen uns vor, wie wir die vielen Gutscheine bei unserer Beizerin einlösen,  irgendwann im neuen Jahr – alle geimpft – dafür wieder einmal gemütlich zusammen und ohne Abstand.

Erschienen in der BaZ vom 31.12.2020