Wir Boomerinnen sind dann mal weg

In sieben Jahren ist es so weit: 2029 geht der letzte Jahrgang der Boomer-Generation in Rente. Gemäss Prognosen fehlen dann etwa eine halbe Million Erwerbstätige, weil die nachfolgenden Pillenknick-Generationen weniger zahlreich sind.

Der Fachkräftemangel zeigt sich in bestimmten Berufen schon heute: es fehlen Pflegefachkräfte und Ärzte, Polizisteninnen, Handwerker und IT-Fachleute. Und das, obwohl die Bevölkerung in der Schweiz in den letzten 20 Jahren durch Zuwanderung um 20 Prozent gewachsen ist. Das Schöne an dieser Boom-Zeit ist, dass es sich viele aus der akademischen Schicht der Pillenknick-Generationen leisten können, Teilzeit zu arbeiten. Die durchschnittlich pro Woche geleistete Arbeitszeit ist in den letzten 20 Jahren von 35 auf 30 Stunden gesunken. Dies ist der Grund, warum die Produktivität pro Arbeitsplatz nicht gross gestiegen ist. Die jüngeren Generationen haben sie in mehr Freizeit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf investiert. Das gönn ich ihnen. Doch es wird ungemütlicher werden in der Zukunft.

Bevor nun aber wieder die alte, verbissene Diskussion um die Zuwanderung neu inszeniert wird, ist festzuhalten, dass mit Migration allein unser Fachkräftemangel nicht zu lösen ist. Ganz einfach, weil in ganz Europa die demografische Lücke zunimmt. Fast alle EU-Länder werben mit höheren Löhnen darum, ihre Migrantinnen zurückzuholen. Italien plant in der Lombardei eine Sonderzone, wo die Steuern für KMU und die Mitarbeitenden gesenkt werden sollen, damit nicht mehr so viele ins Tessin pendeln. Portugal wirbt erfolgreich um seine ausgewanderten Bauarbeiter, mit Investitionen in die energetische Sanierung seiner Häuser. In den ost- und südeuropäischen Ländern haben 30% der Frauen einen IT-Abschluss (bei uns sind es 13%). Sie ermöglichen die Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung. Viele Firmen werden künftig zu den Fachkräften wandern, nicht mehr umgekehrt. In Polen und Bulgarien gibt es bereits Pflegeheime, die sich auf Bewohnerinnen aus Deutschland und der Schweiz spezialisiert haben.

Zudem: wo sollen qualifizierte Einwanderer bei uns wohnen? Es gibt zu wenige Wohnungen, weil nicht dort gebaut wird, wo sie gebraucht werden – in den städtischen Zentren. Bis eine Baubewilligung alle Instanzen durchlaufen hat, dauert es oft Jahre.

Unseren demographischen Gap müssen wir also selber lösen. An erster Stelle kommt die Investition ins vorhandene Potential. Wenn 40% der ausgebildeten Pflegefachkräfte nach ein paar Jahren aussteigen, weil der Stress so hoch ist, dann muss man diesen Teufelskreis mit mit einem Impulsprogramm für mehr Stellen durchbrechen.  Auch das Lohngefüge ist zu überdenken. Warum soll man mit einem Uniabschluss so viel mehr verdienen als ohne? Wenn jene Berufe besser bezahlt werden, in denen ein Mangel herrscht, dann haben viele Junge auch einen Anreiz, solche Berufe zu lernen.  Konkret: Ohne Handwerker gelingt die Energiewende nicht, mit weniger Juristen oder Ökonominnen aber schon.

Natürlich wird auch die Forderung nach der Erhöhung des Rentenalters viel lauter werden. Ich halte sie (noch) nicht für mehrheitsfähig. Erfolgversprechender ist ein flexibles Lebensarbeitszeitmodell von etwa 45 Jahren bis zur Rente. Wer früher beginnt, weil sie eine Lehre macht, kann auch früher aufhören.

Helfen wird auch die Digitalisierung.  Zurzeit macht ChatGPT der amerikanischen Firma OpenAI Furore. Das Programm schreibt selbständig Texte in allen Fachbereichen, berechnet komplexe Aufgaben und vieles mehr. Noch ist das erst der Anfang. Die künstliche Intelligenz wird sich durchsetzen und viele Büro- und Beratungsjobs überflüssig machen.

Und wer pflegt dereinst uns Boomerinnen? Da bin ich nüchtern. Entweder wir wandern in ein Land aus, wo es noch genügend Pflegekräfte gibt, oder wir erhalten einen Pflegeroboter. Ich werde meinen Roby nennen.

Erschienen in der BaZ vom 20.01.23